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von Ann-Sophie Overkamp.Die bekannteste Gruppe ist sicherlich die um Goethe und Schiller, jedoch muss dabei beachtet werden, dass die beiden in dem hier behandelten Zeitraum gar nicht so weit bekannt und rezipiert waren. Die spätere Forschung hat ihr Hauptaugenmerk vor allem auf diese beiden großen Dichter gerichtet und dabei vernachlässigt, dass zum Beispiel Kotzebue Goethe und Schiller an Popularität weit übertraf. Es bietet sich also an, sich auch oder vor allem mit anderen Autoren zu beschäftigen. In einem Brief vom 14. September 1800 schreibt zum Beispiel Heinrich von Kleist aus Würzburg, dass es dort in der öffentlich Leihbibliothek kein einziges Werk von Schiller oder Goethe noch von Wieland gebe, sondern fast nur Schauer- und Ritterromane. Zu den Nutzern der Bibliothek gehören Juristen, Kaufleute und verheiratete Damen (unverheirateten ist die Ausleihe übrigens nicht gestattet). Die breite Leserschaft liest also nicht unbedingt das, was uns heute als typisch für die Zeit erscheint.
Eine 1804 erschienene Liste über den typischen Bestand einer Leihbibliothek nennt u.a. folgende Werke:
* -Cölestinens Strumpfbänder, 3. Aufl. * -Corona, der Geisterbeherrscher, * -Der Geist meines Mädchens, ihre Erscheinung und meine Hochzeitfeier * -Lisara, die Amazone von Habyssininen. Ein romantisches Gemälde * -Kunigunde oder Die Räuberhöhle im Tannenwald * -Der Selbstmörder, eine Schauder- und Wundergeschichte * -Kreuzhiebe und kurzweilige Anekdoten zur Erschütterung des Zwerchfells, von C.C. Cramer
Dass diese Werke nicht überlebt haben, ist vielleicht nicht weiter verwunderlich. Aber es lohnt wahrscheinlich die Mühe, einmal nachzuforschen. Ansonsten seien auf die Schauerromane von Ann Radcliffe verwiesen, die man auch noch als Penguin Classic kaufen kann. Ich denke, dass sie auch damals schon ins Deutsche übersetzt worden sind.
In fast allen Städten gab es Lesegesellschaften, meistens nach Geschlechtern getrennt, die Zeitschriften gemeinsam bezogen sowie teilweise auch eine kleine Bibliothek besaßen. In diesen Gesellschaften (wie ja auch in gewissem Sinne der CC eine sein soll) bildete sich in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts die sogenannte Schicht der Gebildeten heraus. Wer sich für die Forschung über die Gebildeten interessiert, sei auf die Arbeiten von Rudolf Vierhaus hingewiesen. Da findet sich auch sehr viel zu der damaligen Kommunikation und Öffentlichkeit. Neben den heute noch berühmten Zeitschriften (bzw. von der Forschung beachteten) wie „Die Horen“ hrsg. von Schiller, gab es Hunderte von nicht so bekannten; viele davon auch gerade als spezielle Frauenzeitschriften konzipiert. Da die meisten Zeitschriften jedoch nur ein paar Jahrgänge haben, ist es ein wenig schwierig, einen guten Überblick für den angesprochenen Zeitraum zu geben. Außerdem war die Verbreitung der Zeitschriften stark regionalabhängig (eine besondere Dichte herrschte übrigens in Süd- und Mitteldeutschland). Da lohnt es sich, dass jeder mal passend zu seinem Lebenslauf die regionalen Zeitschriften heraussucht (ein Besuch im Stadtmuseum kann dabei helfen).
Auch im Theater wurden nicht so sehr die großen Klassiker gespielt als vielmehr Komödien von Kotzebue und leichte Lustspiele. Einen Namen, den man wahrscheinlich kennen sollte, ist der Ifflands, der größte damalige Schauspieler und ab 1796 Leiter des Theaters in Berlin. Das älteste deutsche Theater ist übrigens das Teutsche Comödienhaus in Mannheim, das seit 1779 besteht. Neben Schauerromanen sind auch Reisebeschreibungen sehr beliebt. Eine der berühmtesten war der Bericht Georg Forsters von seiner Reise mit Kapitän Cook nach Australien. Forsters Witwe, Therese Huber, hat 1801 übrigens auch noch eine Beschreibung veröffentlicht: Abenteuer auf einer Reise nach Neuholland.
Wer sich mehr für die wahren Geistesgrößen der Epoche interessiert, ist mit Mme de Staels Buch „Über Deutschland“ für ein allgemeines Porträt der deutschen Literaturlandschaft gut beraten. Sie hat zwei Reisen durch Deutschland unternommen und dort fast alles getroffen, was Rang und Namen hat. Außerdem war August Wilhelm Schlegel jahrelang ihr Sekretär (ab 1804). Letzterer natürlich auch vor allem von Bedeutung, weil er zusammen mit Ludwig Tieck alle Werke Shakespeares ((1797-1810) und später Cervantes (1803-1809) ins Deutsche übersetzt hat. Von Tieck stammt übrigens ‚Der Lustige Kater’, was sich auch einmal für uns als Lesedrama anbieten würde.
Die folgende Zeittafel soll einen kleinen Anhaltspunkt über unser geistiges Umfeld geben. Vielleicht regt es ja den ein oder anderen an, sich mit einem der genannten Werke und Bücher näher zu beschäftigen. Es täten dem allgemeinen Gespräch sicher nur gut.
1800
-Erstbesteigung des Großglockners -Maria Edgeworth, Castle Reckrent (dt. 1802 Schloss Rackrent) -Marquis de Sade, Les Crimes l’amour (dt. 1803 Verbrechen der Liebe) -J.W.L. Gleim, Preußische Volkslieder in den Jahren 1772-1800 -Jean Paul, Titan (b. 1803) -Novalis, Hymnen an die Nacht 1801 -Erfindung des Jacquard Webstuhls in Frankreich -Haydn, Die Jahreszeiten -Beethoven, Klavierkonzerte Nr. 1 und 2 -Chateaubriand, Atala (dt. 1805) -Maria Edgeworth, Belinda (Belinde, dt. 1803) -E.M.Arndt, Reise durch einen Teil Deutschlands, Ungarns, Italiens und Frankreichs in den Jahren 1798 u. 1799 -J.H. Pestalozzi, Wie Getrud ihre Kinder lehrt -Fr. Schiller, Die Jungfrau von Orleans -J.H.Campe, Wörterbuch der Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke (b.1804) -Karl Spazier, Hrsg. Zeitung für die elegante Welt (b. 1859)
1802 -A. von Humboldt besteigt den Chimborazo (Ekuador) -Beethoven, II. Sinfonie, Klavierkonzert Nr.3 -Novalis, Heinrich von Ofterdingen
1803 -Matthew Flinders umschifft erstmals Australien -J.G. Herder, Der Cid (vollst. 1805) -J.P. Hebel, Alemannische Gedichte -H. von Kleist, Die Famile Schroffenstein -Kotzebue, Die deutschen Kleinstädte -J.G. Seume, Spaziergang nach Syrakus -Z. Werner, Die Söhne des Tales (b. 1804)
1804 -Königliche Eisengießerei in Berlin -Beethoven, III. Sinfonie (Eroica) -Karoline von Günderode, Gedichte und Phantasien (u. d. Ps. Tian) -Kotzebue, Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804 -Fr. Schiller, Wilhelm Tell -J.H. Jung-Stilling, Henrich Stillings Lehrjahre -H.K.A. Eichstädt, Hrsg. Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung (b. 1841) -C.G. Schütz und G. Hufeland, Hrsg. Allgemeine Literatur-Zeitung (Halle, b. 1849)
1805 -Jean Paul, Freiheits-Büchlein -J.G. Eichhorn, Geschichte der Literatur von ihrem Anfang bis auf die neuesten Zeiten (b. 1811) -C.M. Wieland u.a., Hrsg. Journal für deutsche Frauen von deutschen Frauen geschrieben (b. 1806)
Die obigen Angaben habe ich ein wenig willkürlich aus einer umfangreicheren Zeittafel ausgewählt, die als Beilage in folgendem Buch erschienen ist: Literarische Kultur und gesellschaftliches Leben in Deutschland 1789-1806, hg. von Günter Mieth (den Band gibt es noch - Ich kann das Buch nur jedem empfehlen). Des weiteren: Hannelore Schlaffer, Klassik und Romantik – Deutsche Literatur in Bildern, Stuttgart 1986. Sowie eine dreibändige Ausgabe von Reclam zu Kunsttheorie und Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts in Deutschland Bei Reclam ist außerdem eine gute Quellensammlung zu Deutschland im Zeitalter der Frz. Revolution erschienen.
Ich hoffe, die obigen Informationen können auch als Ausgangspunkt weiterhelfen und würde mich freuen, wenn Ihr Euch davon zu weiteren Nachforschungen anregen lasst. Bis bald und viele Grüße
Eure Sophie |
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